Warum wir Deutsche sind (Arbeitstitel)

Die Frage, ob jemand „Deutsche“ oder „Deutscher“ ist, lässt sich ganz simpel mit dem Blick in den bundesdeutschen Personalausweis klären. Dort steht dreisprachig die Rubrik „Staatsangehörigkeit“, „Nationality” und „Nationalité”. Darunter ist heute bei jedem Bürger der Bundesrepublik mit Maschinenschrift in Großbuchstaben “DEUTSCH” eingetragen – aber nicht: „Bundesrepublik Deutschland“!

Klärt die deutschsprachige Rubrizierung neben Staatsangehörigkeit des Ausweisinhabers auch dessen Nationalität? Die Frage wäre mit ja zu beantworten, wenn sich die Begriffe „Nationalität“ und „Staatsangehörigkeit“ inhaltlich und rechtlich decken würden. Sie tun es nicht, uns Juristen und Semantiker erklären. Man kann kein anderes Heimatland als die „Bundesrepublik Deutschland“ besitzen und als Däne, Friese, Sorbe, Sinti und Roma doch kein Deutscher im Sinne der Nationalität sein wollen. . Als Kind türkischer oder kroatischer Eltern in Deutschland geboren, kann man sich für die deutsche Staatsbürgerschaft entscheiden. Man wird dadurch - außerhalb juristischer Definition - emotional und im Bewusstsein automatisch nicht weniger „türkisch“ und „kroatisch“ und mehr „deutsch“ als vor dem juristischen Akt. Man kann Staatsbürger der Russischen Föderation und der Republik Rumänien und in diesen Ländern seit Generationen beheimatet sein, aber sich doch nicht als „Russe“ und „Rumäne“ verstehen, sehr wohl aber als pflichtbewusster Staatsbürger dieser Länder.

„Warum wir Deutsche sind“ referiert die aktuellsten Erkenntnisse Archäogenetik, die endgültig wiederlegt hat, dass Menschen einer Nation wie der deutschen Gene in sich tragen, die sie als Angehörige einer bestimmten Volksgruppe oder gar einer Nation ausweisen. Die Bevölkerung eines geografischen Raumes weist genetisch immer Spuren von Einwanderung, Verdrängung und Vermischungen auf.

„Warum wir Deutsche sind“ erklärt aus der Geschichte, wie – und warum – Nationen entstanden sind. Warum wurden Preußen, Bayern, Lippe, Danzig und die DDR nie eine Nation, Österreich, Luxemburg und Liechtenstein - mehr oder weniger spät - sehr wohl? Das Buch stellt sich der Frage, ob die „Nation“ als kollektive Handlungseinheit und Basis eines Staatsvolks mit dem Fortschreiten von Migration, Emigration, Mobilität und Globalisierung eine Zukunft hat. Oder ob die Idee der „Nation“ einen übersteigerten, eigensüchtige Patriotismus und sogar unter dem Deckmantel des „Identitären“ – einem sprachlich verbrämten „völkischen“ Denken –einen aggressiven Nationalismus gebiert.

Abstammung und Nation

Traditionell ist seit der Revolution von 1789 jeder ein Franzose, der in Frankreich geboren ist. Das nennt man das „Geburtsortsprinzip“. Traditionell galt früher in fast allen deutschen Staaten das „Abstammungsprinzip“. Die Staatsbürgerschaft des Vaters bestimmte die Staatsangehörigkeit der Familie. Unehelich geborene Kinder erhielten die Staatsbürgerschaft der Mutter.

Im „Abstammungsprinzip“ wirkt die Vorstellung, dass jemand, dessen Eltern bereits Angehörige der Mehrheitsethnie in einem Staat gewesen sei, automatisch Angehöriger dieser Ethnie ist und ihm die Staatsangehörigkeit ihres Nationalstaats zustehe. Noch heute wird ein Kind mit der Geburt Deutsche oder Deutscher, wenn die Mutter, der Vater oder beide deutsche Staatsbürger sind. Dabei ist es egal, ob die Eltern nur noch einen Wohnsitz außerhalb der Landesgrenzen haben. Ergänzend zum „Abstammungsprinzip“ gilt in Deutschland seit dem 1. Januar 2000 auch das „Geburtsortsprinzip“. Danach bestimmt nicht allein die Nationalität eines Elternteils die Staatsangehörigkeit eines Kindes, sondern auch der Geburtsort. Ob jemand mit der Geburt automatisch Deutscher Staatsbürger werden kann, hängt allerdings im Einzelfall vom Aufenthaltsstatus der Eltern in Deutschland ab.

Wie prägend das Abstammungsprinzip für das deutsche Verständnis noch immer ist, zeigen einzelne deutsche Gesetze. Die aktuelle Fassung des Bundesvertriebenengesetzes (BVFG) schreibt deutschen Behörden noch immer die Überprüfung der „deutschen Volkszugehörigkeit deutschstämmiger Antragsteller“ vor, die in Deutschland den Spätaussiedlerstatus erlangen wollen. Den Nachweis sehen die Behörden als erbracht, wenn die Vorfahren nachweislich Deutsch als Muttersprache verwendeten und sich in ihrer Umgebung zum „Deutschtum“ bekannt hatten.

„Warum wir Deutsche sind“ ist Sozial- und Geschichtswissenschaft als Mengenlehre. Der Leser erfährt, was in 200 Jahren deutschen Nationalempfindens von den Teilmengen des einst Konstitutiven an den Rand gerückt ist, was als Komplementäres nur noch Gruppen- oder regionale Identität ist. Oder gar eine völlige „Leermenge“ wurde. Das Buch belegt, was von den Pioniermengen des frühen Nationalempfindens bis heute gültig blieb, sich an Neuem als Schnittmenge über die Jahrzehnte der Geschichte geschoben hat und was heute in die Schnittmenge eindringt.

Reisen in die Geschichte

„Warum wir Deutsche sind“ ist eine Reportage an Orte, die Schlaglichter auf das werfen, was das Deutschsein ausmacht, unterscheidet und transformiert. Der Leser wird nicht nur nach Helgoland, Büsingen, in das Kleinwalsertal und in das Purtschellerhaus geführt. Er kommt auch in die Grafschaft Bentheim, den Park von Muskau und in das Listland auf Sylt. Bei Simbach in Niederbayern begleiten die Leser den Autor über den Inn bis vor Hitlers Geburtshaus in Braunau. Auf der Deutschlandtour begibt er sich in die Heimat von Autochthonen, die in Südschleswig, Nordfriesland und der Lausitz leben und nicht „deutscher Nation“ sind. Und ihm ist auch ein Blick in Wagenburgen von Sinti und Roma gewährt worden.

Wir spähen über das Flüsschen Kongeå (deutsch: Königsau) auf den Dom der dänischen Stadt Ribe. Mit besuchen wir im Elsass den einzigen Ort, wo während des ganzen Ersten Weltkriegs die Franzosen Reichsgebiet besetzt halten konnten. In Nemirseta in Litauen besichtigen wir die letzten dort noch stehenden zwei Häusern: das ehemalige kaiserliche Zollhaus und die Gaststätte, die einst John Karnowsky gehörte. „Nimmersatt, wo das Reich ein Ende hat“ dichtete der Volksmund im Kaiserreich. Das galt bis 1920. Menschen deutscher Sprache und fremder Staatsangehörigkeit erzählen, was „Deutschsein“ heißt in Eupen in Ostbelgien,in Sommersted/Mölby bei Haderslev und in Oppeln in Oberschlesien. Von Wienern, Liechtensteinern, Südtirolern, Elsässern. Luxemburgern und Aargauern erfährt er, was sie von den Deutschen scheidet.

Nach der Lektüre des Buchs hat sich der Leser auf mehrere Reisen begeben. Eine führte in die Geschichte, die irgendwo mit Anfängen deutscher Sprache und ihren Normungen beginnt, immer länger wird und dann in der Gegenwart endet. Nibelungenlied und Hildebrandlied sind eine erste Spur. Die Reise ging in Klöster, in denen Latein noch die Verkehrssprache war. Der Leser war auf den Feldzügen des Dreißigjährigen Krieges, 1707 im Fürstentum Neuchâtel in der Schweiz, 1841 an Maas, Memel, Großem Belt und Etsch, im Zweiten Kaiserreich im Hultschiner Ländchen, in den Tälern des Unterelsass, 1919 in Oberschlesien, 1923 im „Territoire de Memel“ und 1935 im Saargebiet.